Walter Lüssi: "An Momente von wirklichem Glück erinnere ich mich ohne Bedauern über ihre Vergänglichkeit."

Dieser Satz eines sonst unbedeutenden Autors, dessen Namen ich längst vergessen habe, gibt zu denken. Man fragt sich sofort, ob es stimme, was da behauptet wird. Warum soll man es nicht bedauern, wenn Glück vergeht? Und warum ist von "Momenten" die Rede? Das ist natürlich ein vorläufiger, ungenügender Begriff. Aber der Mann, so unbedeutend er ist, hat recht.
Ich weiss genau, was er meint. "In einem Moment" oder "bei Gelegenheit" oder "einmal" erlebe ich wirkliches Glück, das dann zur Erinnerung wird, weil meine Vergänglichkeit immer weiter treibt.
Die Erinnerung zeigt, was es mit dem Moment von Glück auf sich hat: Er ist zeitlose Dauer. Das ist kein Augenblick, auch kein ewiger. Zeitlose Dauer hat eine richtige Erstreckung - die aber ohne Zeit ist. Wenn da einer von aussen mit der Stoppuhr messen könnte, ergäbe sich ein gültiges Messresultat, vielleicht in Sekunden - aber gültig nicht für mich. Da sind gleichzeitig verschiedene Zeiten:
Sekunden und zeitlose Dauer.
Ohne Zeit: Kein Wollen oder Widerstreben, weder Geduld noch Ungeduld, kein Sehnen, Festhalten oder Fliehen … Das allein wird noch kein Glück bedeuten, aber in einer solchen Dauer kann einiges geboten werden. Vielleicht schwebe ich in blühender Verfassung hoch über einem Flusstal, natürlich ohne Fluggerät, auch ohne Teppich, alles ist nur Blau und Grün, und da ist auch so etwas wie Geist: Eine Erkenntnis nimmt Besitz von mir, vielleicht über den Zusammenhang von Liebe und Schönheit, ich spreche es laut aus, dass nämlich Liebe die Ursache der Schönheit sei?
Dann ist es vorbei und ist Erinnerung. Wenn ich versuche, die Vergänglichkeit dieser zeitlosen Dauer zu beklagen, ist das nur ein kraftloser Gedanke, mit dem ich mich von meiner eigenen Vergänglichkeit ablenke.